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Atmosphärische Sensibilität als Quelle der Inspiration

Für kreative Menschen ist es charakteristisch, dass sie in ihrer Wahrnehmung besonders feine Nuancen erkennen können. Sie haben ein atmosphärisches Gespür für Aspekte, für die anderen der „Sinn“ fehlt. Sie stellen Dinge infrage, die andere für unverrückbar und selbstverständlich halten. Atmosphärische Sensibilität ist jedoch nicht den Kreativen vorbehalten und lässt sich entwickeln. Gerade für Führungskräfte stellt sie eine wichtige Fähigkeit dar.

Die Erschließung neuer Perspektiven

Heinrich von Kleist bittet in einem Brief seine Verlobte, „recht aufmerksam zu sein, auf alle Erscheinungen, die Dich umgeben“, denn „keine ist unwichtig, jede, auch die scheinbar unbedeutendste, enthält doch etwas, das merkwürdig ist, wenn wir es nur wahrzunehmen wissen“. Mit einer solchen sinnlich-romantischen Öffnung ließe sich beispielsweise mit Freude spielend lernen, dass ein Sturm zwar einen Baum ausreißen kann, nicht jedoch ein Veilchen – und dass ein laues Abendlüftchen zwar ein Veilchen in Bewegung versetzt, nicht jedoch einen Baum (zitiert nach Fischer 2011, S. 82-83).

Die Wahrnehmung feiner Nuancen kann den Keim einer neuen Entwicklung bilden, die sich durch eine Art spielerische Gedankentätigkeit mit den Anregungen aus der Umwelt in einem spannungsgeladenen Spiel der Fantasie ergibt. Aus einem dynamischen Gefüge heraus kann an gewissen „Spielpunkten“ eine neue Einsicht wie die von Kleist skizzierte entstehen – eine Karte wird aufgedeckt und plötzlich sieht man das Spiel aus einer vollkommen neuen Perspektive (vgl. Lenk 2000, S. 282-283).

Nicht-Wissen als Haltung

Der englische Romantiker John Keats hat in diesem Zusammenhang den Begriff der Negative Capability geprägt. Negative Capability ist die Fähigkeit, mit Unsicherheit und Zweifeln leben zu können, ohne diese durch Rationalisierung, Absicht und Analyse anhand des eigenen Halbwissens beseitigen zu wollen. In einem Leben der Unsicherheit, in dem keine Formel und kein System alles erklären kann, braucht es eine fantasievolle Offenheit und eine erhöhte Rezeptivität gegenüber der Realität in ihrer vollen und mannigfaltigen Erscheinung (vgl. Bate 1963, S. 18). Wir können niemals alles wissen. Durch dieses passive Element des Nichtwissens bleibt immer die Möglichkeit offen, dass etwas in Erscheinung tritt, das vorher nicht zu erkennen war. Jeder entscheidet für sich selbst, ob er sein persönliches Leben auf die Vermeidung von Unsicherheiten richtet oder diese Offenheit als Teil seines Lebens akzeptiert.

Indem die Kreative sich der Welt und ihren Atmosphären mit ihrer Sensibilität zuwendet, um aus ihnen Anregungen zu erhalten und Ideen zu schöpfen, erkennt sie die Einzigartigkeit ihrer Wahrnehmungen und Erfahrungen an. Es geht nicht darum, was wahrscheinlich oder unwahrscheinlich ist, sondern darum, was geschieht und wie damit umgegangen werden kann.

Atmosphärische Sensibilität in der Führung

Die atmosphärische Sensibilität ist die passive Seite unserer Wahrnehmung, mit der wir neue Aspekte wahrnehmen können, die uns eine Perspektive offenbart. Erst die Passivität ermöglicht es, neue Aspekte wahr- und aufzunehmen. Im System der atmosphärischen Führung zeigt sich die atmosphärische Sensibilität als subdominante Haltung gegenüber unserer Umgebung. Wenn wir uns nur auf die eigene Perspektive konzentrieren und aus dieser dominanten Haltung heraus die Umgebung betrachten, finden wir im übertragenen Sinne nur das, was wir selbst in sie hineingelegt haben.

Hier zeigt sich die positive Seite der Subdominanz. Sie ist die Basis für Empathie, Offenheit und Zuhören, weil sie uns als „Empfänger“ an die Umgebung anschließt – und damit ist sie auch Voraussetzung dafür, neue Impulse aufzunehmen, im Fluss zu bleiben und Atmosphären wahrzunehmen. Gerade für Führungskräfte ist es daher geboten, sich (auch) in Subdominanz zu üben.

Literatur

Bate, Walter J.: John Keats, Cambridge 1963

Fischer, Ernst-Peter: Ein großer Aufklärer für kleine Leute. Heinrich von Kleists Beitrag zur Bildung, in: UNIVERSITAS. Orientieren! Wissen! Handeln! 66 (10/2011), S. 76-84

Lenk, Hans: Kreative Aufstiege. Zur Philosophie und Psychologie der Kreativität, Frankfurt a. M. 2000

 

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